Startseite  
 Fenster schließen
 Problemstellung
 1. Fragestellung
 2. Studientyp
 3. Level of evidence
      Startseite
2. Schritt: Welcher Studientyp liegt der Originalarbeit zugrunde?

Kurze definitorische Bemerkung zuvor: In der (klinischen) Epidemiologie spricht man grundsätzlich von Exposition einerseits und Erkrankung bzw. Outcome anderseits. Alle hier aufgezählten Studientypen untersuchen auf verschiedene Art und mit unterschiedlicher Anfälligkeit gegen Verzerrungen (Bias) und Scheinbeziehungen (Confounding) den Zusammenhang zwischen beiden. Dabei sind in einer placebo-kontrollierten Medikamentenstudie diejenigen, die das Prüfmedikament erhalten, die "exponierten", diejenigen, die ein Placebo erhalten, die nicht-exponierten bzw. die Kontrollgruppe. Untersuchen wir, ob Fachärzte teurer therapieren als Hausärzte, stellt die "Arztvariable" (Facharzt vs. Hausarzt) die Expositionsvariable dar, die Medikamentenkosten pro Quartal sind der "Outcome". Exposition wie Outcome/Erkrankung sind also ganz allgemeine Begriffe der klinischen Epidemiologie, die mit sehr unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden können. Im folgenden sind die verschiedenen Studientypen (auch Designs genannt) mit Beispielen aufgeführt; dabei können die Vor- und Nachteile hier nicht im Detail diskutiert werden, dies tun Lehrbücher der klinischen Epidemiologie bzw. der evidenz-basierten Medizin recht ausführlich.

Fall-Bericht (case report, case series):
Untersuchung einzelner Patienten oder kleiner Serien (Beispiel aus der Frühzeit oraler Antikonzeption: Bericht über eine junge Frau mit Lungenembolie unter Pillen-Einnahme, wodurch man erstmalig auf den Zusammenhang von hormoneller Antikonzeption und thromboembolischen Komplikationen aufmerksam wurde), Kontrollgruppe fehlt in der Regel.

Querschnitts-Studie (cross sectional study):
Interessierende Daten (epidemiologisch: "Exposition" und "Erkrankung") werden zu einem Zeitpunkt erhoben.
Beispiel: Blutdruckmessung (Messung der Exposition) und Angina pectoris (Erkrankung) werden bei jedem Patienten gleichzeitig beurteilt (Messung und Fragebogen zur Symptomatik in einer Sitzung). Es bleibt auch eine Querschnittsstudie, wenn sich die Datenerhebung über einen längeren Zeitraum hinzieht (aus logistischen/organisatorischen Gründen). Dasselbe gilt für den Fall, daß die Erhebung einer bestimmten Größe eine gewisse Zeit benötigt, z.B. BZ-Messungen bei Glucosetoleranz-Test über einen längeren Zeitraum, oder Patientenzufriedenheit vor und nach Konsultation. Viele retrospektiv angelegte Studien sind ebenfalls Querschnitts-Untersuchungen (Daten aus Patientenkarteien, entsprechende Zusammenhänge zwischen so erhobenen Variablen). Wenn es tatsächlich nur darum geht, eine Prävalenz zu bestimmen, ist gegen diesen Studientyp nichts einzuwenden; problematisch ist dieses Design bei Kausalzusammenhängen und erst recht therapeutischen Interventionen.

Ökologische Studien (correlational study, ecological study):
"Einheit der Beobachtung" sind nicht Individuen, sondern Gruppen/ Aggregate.
Beispiele: Auf der Ebene von KV-Bezirken wird der Zusammenhang zwischen Facharztdichte und Medikamenten-/ Therapiekosten untersucht. Merke: diese Studien haben nur selten mit "Ökologischen" Fragestellungen i.e.S. zu tun!

Fall-Kontroll-Studie (case-control study):
Immer retrospektiv (deshalb veraltetes Synonym: retrospektive Studie). "Erkrankte" werden mit "Nicht-Erkrankten" in bezug auf vergangene "Expositionen" verglichen; die Untersuchungsrichtung ist also der Richtung der angenommenen Kausalwirkung entgegengesetzt. Patienten und Kontrollen werden nach "Krankheits-Status" (oder anderer abhängiger Variable) ausgewählt.
Beispiele: Durchfall-Patienten werden mit gesunden Kontrollen bezüglich Speiseeis-Konsum in den letzten zwei Wochen verglichen, Bronchial-Ca-Patienten mit Gesunden bezüglich Rauchen in der Vergangenheit, stationär eingewiesene Patienten mit Nicht-Eingewiesenen bezüglich Hausarztbesuchen in den letzten vier Wochen.

Kohorten-Studie (cohort study):
Auch Longitudinal-, Follow-up-Studien. Patienten werden nach "Exposition" ausgewählt, und dann bezüglich des Auftretens der "Erkrankung" überwacht.
Diese Untersuchungen können prospektiv sein (Patienten, die einen festen Hausarzt angeben, werden solchen ohne HA gegenübergestellt, über ein Jahr werden dann Facharztbesuche und Krankenhausbehandlungen untersucht); es gibt aber auch retrospektive Kohortenstudien: Anhand von Patientenkarteien werden Patienten je nach Einnahme von Calciumantagonisten in Exponierte und Nicht-Exponierte eingeteilt; dann wird die Kartei nach dem Auftreten von peripheren Ödemen ("Erkrankung") untersucht. Bei retrospektiven Kohortenstudien sind "Exposition" und Auftreten der "Erkrankung" bzw. des Effektes zum Studienzeitpunkt bereits erfolgt, bei prospektiven lediglich die "Exposition". - Hier sind auch Studien mit Kontrollen ohne Randomisierung zu berücksichtigen (sog. quasiexperimentelle Designs); es gibt solche mit "historischen Kontrollen" (im Jahr 1999 werden alle Strep-Tonsillitiden mit einem Cephalosporin behandelt, diese werden verglichen mit den Patienten des Jahres 1998, die Penicillin V erhalten haben) oder mit alternierender Zuteilung (Patienten mit Hypertonie erhalten abwechselnd Placebo oder Nifedipin). Quasiexperimentelle Studien (zu denen man in der Literatur kaum eine scharfe Definition findet), sind jedoch so mit dem Risiko von Verzerrungen (Bias) behaftet, daß sie zusammen mit Kohortenstudien kodiert werden.

Randomisierte kontrollierte Studie (randomised controlled trial, clinical trial):
Immer prospektiv; die "Exposition" (d.h. Zugehörigkeit zur Interventions- bzw. Kontrollgruppe) ist einem Zufallsverfahren (Randomisierung) überlassen. Studien mit historischen Kontrollen, alternierende Zuteilungen oder solche, in denen behandelnde Ärzte nach klinischen/persönlichen Kriterien über den Einsatz der zu evaluierenden Therapie entscheiden, stehen den Kohortenstudien nahe (s.o.). Die immer noch publizierten Anwendungsbeobachtungen ohne Kontrollgruppe (reiner Vorher-Nachher-Vergleich) verdienen in der Regel keine Erwähnung in den Leitlinien der DEGAM.

Bei Querschnitts-, ökologischen, Fall-Kontroll und Kohortenstudien spricht man auch von Beobachtungsstudien, während RCTs unter der Rubrik experimentelle oder Interventionsstudien subsumiert werden (bei letzteren u.U. auch Studien mit anderen Zuteilungsverfahren als der Randomisierung).

 zurück
Impressum DEGAM intern