Allgemeinmedizin und Familienmedizin gehören zusammen

Ein Vater spielt liebevoll mit seinem Sohn, während eine Frau im Hintergrund steht.

Die Familienmedizin ist integraler Bestandteil der Allgemeinmedizin und der hausärztlichen Praxis. Familienmedizin umfasst die Behandlung von Patient:innen unter Berücksichtigung ihres familiären und sozialräumlichen Umfeldes, besonderer familiärer Belastungen und Ressourcen sowie kommunaler Strukturen. Sie hat dank ihrer integrativen Betrachtungsweise die Patient:innen in ihrer Gesamtheit im Blick – auf körperlicher, psychischer und sozialer Ebene. Da häufig mehrere Familienmitglieder in einer Hausarztpraxis in Behandlung sind, lassen sich so interfamiliale Gesundheitsdynamiken besser verstehen und die Gesundheit der Familie insgesamt fördern.

Aufgaben der Familienmedizin in der hausärztlichen Praxis: Wahrnehmung und Anerkennung der wechselseitigen Auswirkungen von Gesundheit / Krankheit auf Patient / Patientin und Familie; Berücksichtigung familiärer Interaktionen und Dynamiken beim Umgang mit Krankheiten und deren Auswirkungen; verstärkte Aufmerksamkeit im Praxisalltag für familiäre Belastungen, die sich gesundheitsschädigend auswirken können; Berücksichtigung und Erkennen von Ressourcen und Risiken von Familie sowie Unterstützung der Selbstbefähigung / Selbstregulation von Individuum und Familie durch Gespräch und Handeln.

Vernetzung und bereichsübergreifende Zusammenarbeit werden in der Gesundheitsversorgung immer wichtiger, um Gesundheits- und Teilhabechancen der Menschen in jedem Lebensalter und jeder sozialen Situation zu verbessern. Um eine familienzentrierte Versorgung im Netz der Primärversorgung gelingen zu lassen, ist Wissen um die Zusammenhänge von familiären Lebensbedingungen, sozialen Problemlagen und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit und Koordination der Versorgung von Patient:innen und ihren Familien notwendig.

Hausärztliche Familienmedizin leistet hier einen wichtigen Beitrag und wird auch von der Bevölkerung gewollt: Laut einer repräsentativen Studie aus dem Jahr 2021 wünschten sich 46 Prozent der Bevölkerung in Deutschland die Behandlung mehrerer Familienmitglieder in der gleichen hausärztlichen Praxis (Dtsch Arztebl Int 2021; 118: 844–5).

Aktuelles aus der Familienmedizin

Oktober 2026: (Haus-)Ärztliche Behandlung eigener Familienangehöriger

Die ärztliche Behandlung von eigenen Familienmitgliedern ist ein verbreitetes Phänomen, das jedoch ethische Fragen aufwirft. Denn es besteht immer das Risiko möglicher Rollenkonflikte (Arzt oder Vater; Ärztin oder Tochter; usw.) und emotionaler Befangenheit. In England bspw. wird deshalb der Verzicht auf die Behandlung eigener Angehöriger als gute ärztliche Praxis eingeschätzt.  Die gleiche Problematik von Rollenkonflikten, gegenseitigen Abhängigkeiten und Befangenheit ergibt sich auch bei der Behandlung von Personen aus dem Kreis von vertrauten Kolleginnen und Kollegen, bei Praxismitarbeitenden oder bei Menschen aus dem engeren Freundes- und Bekanntenkreis.

Von Seiten der Ärztekammern oder Berufsverbände gibt es in Deutschland bisher keine Empfehlungen zur ärztlichen Behandlung eigener Familienangehöriger. Lediglich die (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte benennt die Erlaubnis zum Verzicht auf ein Honorar bei der Behandlung eigener Familienangehöriger (§12, Abs. 2) (Bundesärztekammer 2024). Die gesetzlichen Krankenkassen hingegen schließen die Vergütung von Behandlungen eigener Familienangehöriger grundsätzlich aus. Viele private Krankenkassen halten in ihren Versicherungsverträgen Klauseln vor, die die Erstattung von Honoraren ausschließen, wenn die Leistungen von Ärztinnen oder Ärzten ersten Verwandtschaftsgrades oder Ehepartnern erbracht wurden (Mortsiefer 2013).

Entscheidet man sich dennoch für die Behandlung eigener Familienangehöriger, ist besonders auf ein Abweichen vom sonst üblichen ärztlichen Vorgehen und auf die Reflexion des eigenen Handelns zu achten, damit es nicht zu Über- oder Unterdiagnostik (zu große Sorge vs. Bagatellisierung) bzw. -behandlung kommt. Die Behandlung sollte so wie bei jedem anderen Patienten auch sorgfältig dokumentiert werden.

Spannende Einblicke in das Erleben von Arztkindern von ihrer Behandlung durch die eigenen Eltern finden Sie in einem jüngst im Deutschen Ärzteblatt erschienenen Artikel (Mortsiefer et al. 2026).

Literatur

Bundesärztekammer (2024) (Muster-)Berufsordnung für die in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte - MBO-Ä 1997 - in der Fassung des Beschlusses des 128. Deutschen Ärztetages vom 9. Mai 2024 in Mainz. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Themen/Recht/_Bek_BAEK_Musterberufsordnung-AE.pdf (letzter Aufruf: 06.03.2026)

Mortsiefer A (2013) „Diese Tabletten schreibt mir immer meine Mutter auf“. Wie können Ärzte verantwortlich mit Krankheitsfällen in ihrer eigenen Familie umgehen? In: Kalitzkus V, Wilm S (Hrsg.) Familienmedizin in der hausärztlichen Versorgung der Zukunft. düsseldorf university press, Düsseldorf, S 107–117

Mortsiefer A, Zemke A, Kalitzkus V et al. (2026) Ärztliche Behandlung durch die eigenen Eltern. Eine qualitative Studie. Deutsches Ärzteblatt International 123: 512–513. https://doi.org/10.3238/arztebl.m2026.0094

Oktober 2025: Key Note zur Familienmedizin beim DEGAM-Jahreskongress

Beim DEGAM-Kongress 2025 in Hannover wurde der Familienmedizin mit der Key Note "Das geht! Gelebte Familienmedizin in der hausärztlichen Praxis" ein besonderer Schwerpunkt gewidmet. Die Key Note wurde von Prof. Dr. Stefan Wilm & Dr. Vera Kalitzkus gehalten.

Die wichtigsten Botschaften der Key Note waren: Gelebte Familienmedizin ist zentraler Bestandteil der hausärztlichen Arbeit. Sie berücksichtigt nicht nur die einzelnen Patient:innen, sondern auch ihre familiären und sozialen Hintergründe, die wechselseitig die Gesundheit beeinflussen. Hausärzt:innen haben durch die langjährige Betreuung oft mehrerer Familienmitglieder einen besonderen Einblick in diese Zusammenhänge. Sie können körperliche, psychische und soziale Aspekte mit einem systemischen Blick verbinden, der auch die familiären Dynamiken sieht. Mit Praxisbeispielen wurde gezeigt, wie Familienstrukturen in Diagnose und Therapie integriert werden und welche alltagstauglichen Instrumente es gibt.

Mai 2025: Neue Fachdefinition Allgemeinmedizin

Um die engen Bezüge zwischen Allgemeinmedizin und Familienmedizin zu verdeutlichen, hat die DEGAM 2025 entschieden, im Namen der Fachgesellschaft auch den Begriff "Familienmedizin" aufzugreifen. Zum Vergleich: Im internationalen Kontext ist die Verknüpfung von Allgemeinmedizin und Familienmedizin ebenfalls gebräuchlich: So wird zum Beispiel im englischen Sprachgebrauch "Allgemeinmedizin" mit "Family Medicine" übersetzt.

Vor diesem wurde in der DEGAM eine neue Fachdefinition für die Allgemeinmedizin erarbeitet, in der die Familienmedizin explizit als integraler Bestandteil beschrieben wird. Hier geht es zur aktuellen Fachdefinition.

Hier finden Sie außerdem eine Arbeitsdefinition von Familienmedizin, die 2015 von der Arbeitsgruppe Familienmedizin am ifam (Heinrich-Heine-Unversität Düsseldorf) entwickelt wurde.

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