Cochrane Deutschland: Wer Evidenz will, muss sie auch fördern
Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung braucht unabhängige wissenschaftliche Expertise, darüber sind sich in der Regel alle einig. Umso irritierender muten die Pläne des Bundeministeriums für Gesundheit (BMG) an, die Förderung für die Cochrane Deutschland Stiftung zu streichen. Gemeinsam mit drei weiteren Fachgesellschaften kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) diese Pläne aufs Schärfste.
Die geplante Streichung der Förderung sendet ein fatales Signal für die evidenzbasierte medizinische Versorgung in Deutschland. „Wer evidenzbasierte Gesundheitsversorgung ernst nimmt, darf nicht ausgerechnet dort sparen, wo unabhängige wissenschaftliche Erkenntnisse für die Versorgung aufbereitet und zugänglich gemacht werden“, sagt Prof. Eva Hummers, Präsidentin der DEGAM.
Die Cochrane Deutschland Stiftung nimmt eine wichtige Vermittlerfunktion zwischen internationaler medizinischer Forschung und der Versorgung hierzulande ein. Diese Arbeit wird seit 2017 vom BMG mit rund 1,3 Millionen Euro jährlich unterstützt. Dass diese Förderung nicht gestrichen werden darf, macht die DEGAM in der „Göttinger Erklärung“ deutlich, die im Rahmen des interdisziplinären Medizin-Kongresses „Gesundheit gestalten“ gemeinsam am vergangenen Wochenende in Göttingen entwickelt wurde. Die drei weiteren beteiligten Fachgesellschaften sind: Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP), Deutsche Gesellschaft für Medizinische Soziologie (DGMS) und das Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (EbM-Netzwerk).
Unabhängige Evidenz ist keine Kür
Cochrane Deutschland bereitet internationale Forschungsergebnisse für Ärztinnen und Ärzte, andere Gesundheitsberufe sowie Patientinnen und Patienten verständlich auf. Die systematischen Übersichtsarbeiten helfen dabei, Nutzen und Risiken medizinischer Maßnahmen realistisch einzuschätzen. Zugleich macht Cochrane sichtbar, wo Wissen fehlt oder die vorhandene Evidenz nicht ausreicht.
Zudem vermittelt Cochrane Deutschland Kompetenzen zur Bewertung wissenschaftlicher Erkenntnisse, berät Politik und Institutionen und bringt seine Expertise in gesundheitspolitische Debatten ein. In den vergangenen zehn Jahren wurden mehr als 2.000 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren dementsprechend geschult.
Sparen am falschen Ende
Aus Sicht der DEGAM ist es deshalb nicht nachvollziehbar, die Förderung gerade jetzt auslaufen zu lassen. Die Arbeit von Cochrane Deutschland trägt dazu bei, Fehlversorgung zu vermeiden und Ressourcen gezielter einzusetzen. Außerdem stärkt sie das Vertrauen in wissenschaftlich fundierte Gesundheitsinformationen. In einer Zeit, in der Desinformation und Wissenschaftsskepsis zunehmen, ist dieser Aspekt wichtiger denn je.
„Die Förderung von Cochrane Deutschland ist keine freiwillige Zusatzleistung, auf die man angesichts angespannter Haushalte einfach verzichten kann“, betont Hummers. „Sie ist eine Investition in die Qualität und Effizienz unserer Gesundheitsversorgung. Wir brauchen nicht weniger, sondern eher mehr Wissen darüber, was nachweislich wirkt und was den Menschen tatsächlich nutzt.“
Vor diesem Hintergrund fordert die DEGAM das BMG dazu auf, die Finanzierung von Cochrane Deutschland über 2027 hinaus sicherzustellen und damit den gesetzlichen Anspruch auf eine evidenzbasierte Gesundheitsversorgung auch praktisch zu unterstützen.
Hier geht es zur Göttinger Erklärung.
Pressekontakt
Natascha Hövener
Pressesprecherin
Telefon: 030 – 20 966 98 16
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Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM)
Schumannstraße 9, 10117 Berlin
Präsidentin: Prof. Dr. med. Eva Hummers (Göttingen)
www.degam.de
Über die DEGAM
Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) ist eine wissenschaftliche Fachgesellschaft. Ihre zentrale Aufgabe ist es, die Allgemeinmedizin als anerkannte wissenschaftliche Disziplin zu fördern und sie als Rückgrat der Patientenversorgung weiterzuentwickeln. Die DEGAM ist Ansprechpartnerin bei allen Fragen zur wissenschaftlichen Entwicklung der Allgemeinmedizin an den Hochschulen, zur Fort- und Weiterbildung sowie zum Qualitätsmanagement. Sie erarbeitet eigene wissenschaftlich fundierte Leitlinien für die hausärztliche Praxis und beteiligt sich auch an interdisziplinären Leitlinien anderer Fachgesellschaften. Die Aktivitäten der Nachwuchsförderung werden überwiegend von der Deutschen Stiftung für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DESAM) realisiert.